Chronik

 

Der Chattia Sängerbund wurde 1911 in Reiskirchen gegründet. Bei der Namensgebung dürfte der einst im hiesigen Siedlungsraum ansässige, germanische Volksstamm "Die Chatten" Pate gestanden haben.

 

Die Gründungsvereine kamen aus folgenden Ortschaften:

Albach, Bersrod, Beuern, Ettingshausen, Göbelnrod, Hattenrod, Lindenstruth, Münster, Nonnenroth, Ober Bessingen, Reiskirchen, Saasen, Queckborn, und Villingen. Zum ersten Vorsitzenden wurde Johannes Opper V aus Ettingshausen gewählt.

 

In der wechselvollen Geschichte des Chattia Sängerbundes gab es ein Auf und Ab seiner Mitgliedsvereine. Teilweise waren die Vereänderungen politisch bedingt, wie nach 1933.

 

Während des ersten Weltkrieges ruhte die Sangestätigkeit. In der wirtschaftlich schwierigen Nachkriegszeit kamen Sängertreffen                     nur zögerlich in Gang. Das hielt die Vereine aber nicht davon ab, Vereinsjubiläen verbunden mit Wettstreiten durchzufühern.                       Häufig wurden bei solchen Veranstaltungen auch Massenchöre aufgeführt.

 

Am 2. Januar 1930 fusionierten der Chattia Sängerbund mit 8 Vereinen und der Wettertal Sängerbund mit 5 Vereinen in Nonnenroth zu einem "Gau Chattia-Wettertal" im Hessischen Sängerbund. Dem neuen Bund wurden am 25. Juni 1933 per Dekret die 13 Vereine des Horloff Wettertal Sängerbundes zugeschlagen, der sich mehr oder weniger freiwillig auflöste. Am 16. Juli 1933 beschlossen die Delegierten, der neuen Vereinigung den Namen "Gau Chattia" zu geben. Im  gleichen Jahr kamen noch zwei weitere Vereine hinzu; die Zahl der Mitgliedsvereine belief sich danach auf 28. Karl Rinker aus Nonnenroth übte die Funktion des Gauvorsitzenden aus, später dem Zeitgeist entsprechend Kreisführer genannt.

 

Ab 1929 verursachten die Weltwirtschaftskrise und die Reparationslasten eine große Arbeitslosigkeit. Noch Anfang 1933 ergab eine Umfrage, dass über 20% der Aktiven arbeitslos waren. Der Sängerbund sah sich deshalb gezwungen, die Bundesbeiträge zunermäßigen.

 

Der Ausbruch des 2. Weltkrieges im September 1939 brachte, da alle Kriege kulturfeindlich sind, die Sangestätigleit in den Vereinen bald zum Erliegen. Bereits am 26.11.1939 meldeten von den 14 zur Herbstsängertagung erschienen Vereinsvertretern nur 8 ihrer Vereine als singfähig. Als letzte Veranstaltung nach Kriegsausbruch führte der Bund am 7. Juni 1942 eine als Kreissängertag bezeichnete Tagung in Hungen durch.

 

Nach dem Ende des 2. Weltkrieges im Mai 1945 behielt sich die Besatzungsmacht im Einzelfalle die Genehmigung zur Wiederaufnahme des Sangestätigkeit vor. In Hungen war dies z.B. Ende November 1946 der Fall. Das galt auch für die (Wieder-) Gründung der Sängerbünde.

 

In unserer engeren Heimat fand nach dem Kriege als erste größere Veranstaltung im Jahre 1949 ein Wald-Sängerfest in Langsdorf statt. Dort wurde von verschiedenen Vereinen der Wunsch laut, die Tradition des Chattia Sängerbundes wieder aufleben zu lassen. Man einigte sich auf eine Gründungsversammlung, die am 19 März 1950 in Langsdorf unter Teilnahme von 15 Vereinen durchgeführt wurde. Dabei wurde Initiator Hermann Kneipp (Langsdorf) zum 1. Vorsitzenden gewählt. Sein Nachfolger wurde 1958 Adolf Frank (Inheiden).

 

In dieser Ära war eine rege Sangestätigkeit zu verzeichnen. Sie begann 1950 mit einem Sängertreffen in der Klosterruine Arnsburg. Regelmäßig fanden Wertungs- oder Leistungssingen statt. Sängerfeste mit großen Umzuügen waren häufig der Höhepunkt des Jahresablaufes. Anlässlich der 10 jährigen Wiedergründung trafen sich die Bundesvereine am 12. Juli 1959 zu einem Sängertreffen in Arnsburg.

 

Im Jahre 1961 konnte der Chattia Sängerbund sein 50-jähriges Bestehen feiern, das gemeinsam mit dem 75-jährigen Stiftungsfest der Harmonie Münster mit einem Gruppensingen im Festzelt begangen wurde. Auch ein Wolkenbruch konnte  die Sängerschar nicht davon abhalten, ihr Jubiläum zu feiern.

 

1973 wählten die Delegierten Richard Stock (Hungen) zum neuen Vorsitzenden. Seine, leider nur kurze, Amtszeit wurde 1977 jäh durch einen tragischen Verkehrsunfall  beendet. Zur Beerdigung waren alle Bundesvereine mit einer Fahnenabordnung erschienen.

 

Neuer Bundesvorsitzender wurde noch im gleichen Jahr Ernst-Ludwig Reitz (Inheiden). Ab 1983 führte der Sängerbund im zweijährigen Rhythmus ein Seniorentreffen durch, das sich großer Beliebtheit erfreute. Das 75-jährige Jubiläum wurde am 12. April 1986 mit einem großen Kommersabend in der Stadthalle Hungen begangen. 1993 beschlossen die Delegierten mehrheitlich, dem Hessischen Sängerbund beizutreten.

 

Seid 1996 leitet den Sängerbund Helmut Hejny (Langsdorf).

 

Seinen 90. Geburtstag feierte der Sängerbund am 13. Oktober 2001 mit einem Kommersabend im Inheidener Bürgerhaus. Die Presse berichtete darüber unter der Überschrift "Singen ist ein Gegenpol zur geistigen Verarmung". In dieser Zeit sind auch verstärkte Bemühungen um die Chorjugend zu verzeichnen. Zu nennnen sind hier Kinder- und Jugendchortreffen in Berstadt (1998), Münster (2002), Hungen-Langd (2005) und Ettingshausen (2007).

 

In der Vergangenheit schieden bereits Chöre aus dem Sängerbund aus, weil sie nicht mehr singfähig waren. Es ist dies eine  - nicht nur auf unseren Raum beschränkte - dramatische Entwicklung. Als Gründe sind zu nennen die Konkurrenz durch ein Überangebot an Freizeitaktivitäten, eine veränderte Gesellschaftliche Entwicklung sowie fehlender Bildungswille der jüngeren Generation. Die daraus folgende Überalterung lässt die Auflösung weiterer Gesangvereine befürchten.

 

Auf Vereinsseite fehlte es nicht an Versuchen dem gegenzusteuern. Zu nennen sind hier vor allem die Gründung von Kinderchören, Jugendchören, Projektchören usw. Die Hoffnung, das damit eine durchgängigeine Hilfestellung nicht zu erreichen.e Entwicklung vom Jugend- zum Erwachsenensingen zu erzielen sei, führte aber in aller Regel zu keinem durchschlagenden Erfolg.

 

Auch der Chattia Sängerbund blieb nicht tatenlos. Beispielsweise übergaben Helmut Hejny und Roland Stock im Jahre 2004 dem damaligen hessischen Innenminister Volker Bouffier, eine vom hessischen Sängerbund initiierte Resolution nebst umfangreicher Unterschriftenliste, um die "Kultur" - wie schon in Sachen Sport geschehen - als Staatsziel in der hessischen Verfassung zu verankern. Leider war auf politischer Ebene eine Hilfestellung nicht zun erreichen.

 

Die Welt des Chorgesanges befindet sich im Umbruch. Zweifellos wird der traditionelle Laienchor manches von seiner Bedeutung verlieren. Schon heute ist es keine Selbstverständlichkeit mehr, daß jeder Ort seinen Gesangverein hat. Aber: Solange es die Menschheit gibt, wird gesungen. Daraus schöpfe ich die Zuversicht, daß sich auch in Zukunft immer wieder Menschen unter dem Motto                                                "Dem Waheren, Schönen, Guten" zusammenfinden.

 

Roland Stock anlässlich 100 Jahre Chattia Sängerbund